
Der grösste Fehler beim Einrichten mit Kunst ist, sie als reine Dekoration zu behandeln, die farblich zum Sofa passen muss. Der wahre Wert liegt im kuratierten Dialog.
- Statt visueller Übereinstimmung suchen Sie nach narrativen Brücken – thematische, materielle oder philosophische Verbindungen zwischen den Objekten.
- Die Spannung zwischen einem antiken Möbelstück und einem abstrakten Gemälde erzeugt eine persönliche Geschichte, die weit über blosse Ästhetik hinausgeht.
Empfehlung: Werden Sie zum Kurator Ihres eigenen Zuhauses. Betrachten Sie jedes Erbstück als Ausgangspunkt für einen faszinierenden Dialog mit der Kunst der Gegenwart.
Sie haben eine wunderschöne Biedermeier-Kommode von Ihren Grosseltern geerbt. Ein Stück mit Geschichte, aus massivem Kirschholz, handwerklich perfekt. Doch Ihr Herz schlägt für die Gegenwart, für kühne, abstrakte Kunst, für klare Linien und zeitgenössisches Design. Dieses Dilemma kennen viele in der Schweiz, die wertvolle, klassische Möbel besitzen, aber ihren Wohnstil verjüngen möchten. Die gängigen Ratschläge aus Wohnmagazinen sind oft enttäuschend oberflächlich: „Schaffen Sie einen Kontrast“ oder „Finden Sie eine gemeinsame Farbe im Bild und auf den Kissen“. Solche Ansätze degradieren Kunst zum blossen Accessoire und Möbel zu einer statischen Kulisse.
Aber was, wenn die wahre Kunst nicht darin besteht, Farben abzustimmen, sondern einen intellektuellen und emotionalen Dialog zwischen den Epochen zu inszenieren? Was, wenn die Kombination aus Alt und Neu nicht nur „gut aussehen“, sondern eine Geschichte erzählen soll – Ihre Geschichte? Dieser Ansatz verwandelt Sie vom passiven Dekorateur zum aktiven Kurator Ihres Lebensraums. Es geht nicht darum, ein Museum zu schaffen, sondern eine narrative Brücke zwischen der Handwerkskunst von gestern und der künstlerischen Vision von heute zu bauen. Ihr Zuhause wird zu einem Spiegel Ihrer Persönlichkeit, die sowohl die Vergangenheit ehrt als auch die Zukunft begrüsst.
Dieser Artikel führt Sie durch genau diesen kuratorischen Prozess. Wir tauchen tief in die Psychologie der Farben ein, lernen, wie man respektvoll mit Künstlern verhandelt, analysieren das Wertpotenzial auf dem Schweizer Kunstmarkt und entdecken, wie die richtige Beleuchtung die Seele eines Kunstwerks offenbart. Machen Sie sich bereit, die Regeln der Dekoration zu brechen, um wahre Harmonie zu finden.
Um Ihnen eine klare Orientierung auf dieser Reise zu geben, finden Sie hier eine Übersicht der Themen, die wir behandeln werden. Jedes Kapitel ist ein Baustein, um Ihr Zuhause in eine persönlich kuratierte Sammlung zu verwandeln.
Inhaltsverzeichnis: Vom Erbstück zur kuratierten Sammlung
- Warum bringen blaue abstrakte Gemälde mehr Ruhe in das Schlafzimmer als rote?
- Wie verhandelt man Preise direkt mit Künstlern im Atelier, ohne respektlos zu sein?
- Etablierter Künstler oder Absolvent: Wo ist das Wertsteigerungspotenzial höher?
- Der Fehler, Kunst nur passend zur Farbe des Sofas zu kaufen
- Wie beleuchtet man pastose (dick aufgetragene) Malerei, um die Struktur hervorzuheben?
- Wann ist der richtige Moment zu kaufen: Vor oder nach der ersten Museumsschau?
- Warum sind junge Künstler in Zürich oft teurer als in der Romandie?
- Warum sollten Sie auch nicht-schweizerische Künstler in Ihre Sammlung aufnehmen?
Warum bringen blaue abstrakte Gemälde mehr Ruhe in das Schlafzimmer als rote?
Die Wahl eines Kunstwerks, besonders für einen so intimen Raum wie das Schlafzimmer, sollte weit über ästhetische Vorlieben hinausgehen. Sie ist eine Entscheidung über die emotionale Atmosphäre, die Sie schaffen möchten. Farben sind hierbei keine blossen Pigmente, sondern psychologische Werkzeuge. Blau, in all seinen Facetten von sanftem Himmelblau bis zu tiefem Mitternachtsblau, ist wissenschaftlich erwiesen die Farbe der Ruhe und Kontemplation. Es senkt den Puls, fördert die Konzentration und unterstützt die Regeneration. Eine Studie von Müller (2024) bestätigt, dass blau gestaltete Schlaf- und Arbeitszimmer nicht nur die Entspannung fördern, sondern auch Kreativität und Fokus steigern können. Dass mehr als 40% der Menschen Blau als Lieblingsfarbe wählen, ist kein Zufall; es ist ein instinktives Streben nach Gelassenheit.
Ein rotes abstraktes Gemälde hingegen wirkt wie ein emotionaler Weckruf. Rot ist die Farbe der Leidenschaft, der Energie und der körperlichen Leistung. Es erhöht den Adrenalinspiegel und kann in einem Ruheraum eher für Unruhe und Anspannung sorgen. Während ein rotes Werk in einem Esszimmer oder Flur belebend wirken kann, würde es im Schlafzimmer dem primären Bedürfnis nach Erholung entgegenwirken. Die Wahl zwischen einem blauen und einem roten Gemälde ist also keine Frage des Geschmacks, sondern eine strategische Entscheidung für die gewünschte psychische Verfassung. Ein grosses, ruhiges Blau-abstraktes Werk über einem antiken Holzbett schafft einen Kokon der Stille, in dem der materielle Wert des Möbels durch den emotionalen Wert der Kunst ergänzt wird.
Die Entscheidung für Blau ist somit der erste Schritt. Der nächste ist, den perfekten Ton zu finden, der nicht nur mit Ihrer Seele, sondern auch mit den Lichtverhältnissen Ihres Raumes harmoniert. Matte Oberflächen absorbieren das Licht und verstärken die ruhige Ausstrahlung, während glänzende Finishes für mehr Lebendigkeit sorgen.
Wie verhandelt man Preise direkt mit Künstlern im Atelier, ohne respektlos zu sein?
Der direkte Kauf im Atelier eines Künstlers ist eine der persönlichsten und lohnendsten Arten, Kunst zu erwerben. Es ist eine Gelegenheit, die Geschichte hinter dem Werk zu erfahren und eine Beziehung zum Schöpfer aufzubauen. Doch die Preisverhandlung ist ein heikler Tanz. Der Schlüssel liegt, wie es das Bundesamt für Kultur im Rahmen der Swiss Art Awards formuliert, nicht im „Gewinnen“ einer Verhandlung, sondern im Aufbau von Fairness und einer nachhaltigen Beziehung. Respekt ist die Währung, die am meisten zählt.
Beginnen Sie niemals mit einem Preisangebot. Zeigen Sie zuerst echtes Interesse und Wertschätzung. Sprechen Sie über das Werk, das Sie anspricht. Fragen Sie nach der Technik, der Inspiration, dem Prozess. Ein Künstler hat oft Monate oder Jahre in seine Arbeit investiert; dies anzuerkennen, ist die Grundlage für jedes weitere Gespräch. Erst wenn Sie eine Verbindung hergestellt haben, können Sie das Thema Preis ansprechen. Eine höfliche Formulierung ist: „Ich habe ein Budget, das ich respektieren muss. Gäbe es einen Spielraum beim Preis für dieses Werk?“ Vermeiden Sie aggressive Taktiken oder den Vergleich mit anderen Künstlern. Ein Atelier ist kein Basar.

Ein „Atelierpreis“ ist oft bereits niedriger als ein Galeriepreis, da die Galerieprovision (meist 50%) entfällt. Ein Rabatt von 10-15% ist in vielen Fällen eine realistische und faire Marge, die dem Künstler entgegenkommt und Ihnen dennoch einen Vorteil verschafft. Eine weitere respektvolle Option ist die Frage nach einer Ratenzahlung. Dies zeigt, dass Sie den Wert des Werkes anerkennen, aber Ihr Budget strecken müssen. Letztendlich geht es darum, eine Win-Win-Situation zu schaffen: Sie erwerben ein Werk, das Sie lieben, und der Künstler fühlt sich für seine kreative Arbeit fair entlohnt und respektiert.
Denken Sie daran, dass Sie nicht nur ein Objekt kaufen, sondern auch die zukünftige Karriere eines Künstlers unterstützen. Ein fairer Preis ist eine Investition in die Kultur und ermöglicht es dem Künstler, weiterhin Kunst zu schaffen, die uns alle bereichert.
Etablierter Künstler oder Absolvent: Wo ist das Wertsteigerungspotenzial höher?
Die Entscheidung, ob man in einen bereits etablierten Künstler oder in einen vielversprechenden Absolventen einer Schweizer Kunsthochschule wie der HEAD in Genf, der ECAL in Lausanne oder der ZHdK in Zürich investiert, ist eine strategische Weichenstellung für jede Sammlung. Es ist die Wahl zwischen Sicherheit und Abenteuer, zwischen einer „Blue Chip“-Anlage und einer „Wachstumsaktie“. Beide Wege haben ihre Berechtigung, doch das Potenzial für eine signifikante Wertsteigerung liegt eindeutig bei den jungen Talenten.
Etablierte Künstler, deren Werke bereits in Museen hängen und auf grossen Messen gehandelt werden, bieten Marktstabilität. Ihre Preise sind hoch, und die jährliche Wertsteigerung ist oft moderat und vorhersehbar. Der Kauf eines solchen Werkes dient primär der Wertsicherung. Im Gegensatz dazu ist der Kauf eines Werkes von einem frischgebackenen Absolventen mit einem höheren Risiko verbunden, birgt aber auch ein exponentielles Wachstumspotenzial. Hier agieren Sie als Entdecker. Die Einstiegspreise sind niedrig, und wenn der Künstler den Durchbruch schafft, können die Werke in den ersten Jahren eine massive Wertsteigerung erfahren. Die folgende Analyse, basierend auf Marktdaten, die auch bei den Schweizer Kunstpreisen eine Rolle spielen, verdeutlicht die Unterschiede.
| Kriterium | Etablierter Künstler | Absolvent (HEAD/ECAL/ZHdK) |
|---|---|---|
| Risikoprofil | Niedrig (‚Blue Chip‘) | Hoch (‚Wachstumsaktie‘) |
| Preiseinstieg | CHF 10’000-50’000 | CHF 1’000-5’000 |
| Wertsteigerung p.a. | 3-5% | 10-30% (erste 5 Jahre) |
| Marktstabilität | Sehr hoch | Volatil |
| Sammlerstrategie | Wertsicherung | Entdeckerpotenzial |
Für einen Erben antiker Möbel, der seine Sammlung verjüngen möchte, kann die Investition in junge Kunst besonders reizvoll sein. Sie ermöglicht es, mit einem überschaubaren Budget eine zeitgenössische Position aufzubauen und am Werdegang eines Künstlers teilzuhaben. Der Nervenkitzel, in fünf Jahren festzustellen, dass das für 2’000 Franken gekaufte Werk nun das Zehnfache wert ist, ist ein einzigartiger Aspekt des Sammelns.
Letztlich ist eine ausgewogene Sammlung oft die beste. Ein oder zwei Werke etablierter Künstler können das Fundament bilden, während mehrere Werke junger Absolventen für Dynamik und das aufregende Potenzial der Zukunft sorgen.
Der Fehler, Kunst nur passend zur Farbe des Sofas zu kaufen
Es ist der wohl häufigste und zugleich fundamentalste Fehler beim Einrichten: Ein Kunstwerk wird ausschliesslich danach ausgewählt, ob seine Farben zur Couch, zum Teppich oder zu den Vorhängen passen. Dieser Ansatz reduziert Kunst auf ihre dekorative Funktion und ignoriert ihr gesamtes Potenzial als intellektueller und emotionaler Katalysator im Raum. Ein Zuhause, in dem alles perfekt aufeinander abgestimmt ist, wirkt oft leblos und unpersönlich wie ein Hotelzimmer. Die wahre Magie entsteht durch die Spannung zwischen den Epochen und den Dialog, den unterschiedliche Objekte miteinander führen.
Anstatt nach farblicher Harmonie zu suchen, sollten Sie nach einer narrativen oder philosophischen Verbindung fragen. Was hat ein schlichter Appenzeller Bauernschrank aus dem 19. Jahrhundert mit der strengen, materialfokussierten Kunst eines zeitgenössischen Schweizer Minimalisten gemeinsam? Es ist die „materielle Ehrlichkeit“, der Respekt vor dem Material und die Reduktion auf das Wesentliche. Hier entsteht ein Dialog über Werte, der viel tiefer geht als jede Farbabstimmung.
Fallstudie: Philosophischer Dialog zwischen Epochen
Ein erfolgreiches Beispiel aus einem Schweizer Privathaus zeigt, wie ein abstraktes Gemälde einer ECAL-Absolventin die verspielten Linien eines Biedermeier-Möbels aus der Region Bern modern interpretiert. Die Gemeinsamkeit liegt nicht in der Farbe, sondern im Dialog zwischen der funktionalen Ehrlichkeit des antiken Appenzeller Bauernschranks und der materialfokussierten Strenge zeitgenössischer Schweizer Minimalisten. Das Ergebnis ist ein Raum, der sowohl geerdet als auch intellektuell anregend ist und eine persönliche Geschichte von Tradition und Innovation erzählt.
Dieser kuratorische Ansatz erfordert Mut und ein Umdenken. Sie werden zum Geschichtenerzähler, der Verbindungen schafft, wo andere nur Unterschiede sehen. Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, Ihr eigenes kuratorisches Konzept zu entwickeln und Ihr Zuhause in einen lebendigen Ort des Dialogs zu verwandeln.
Ihr kuratorischer Aktionsplan: In 5 Schritten zur narrativen Brücke
- Thema definieren: Finden Sie einen roten Faden, z.B. „Schweizer Materialität im Wandel der Zeit“ oder „Spannung zwischen Genfer Strenge und Zürcher Dadaismus“.
- Epochen bewusst mischen: Kombinieren Sie gezielt ein Erbstück der Biedermeier-Ära mit einem Bauhaus-Klassiker oder zeitgenössischer Kunst.
- Narrative Verbindungen schaffen: Suchen Sie nach Gemeinsamkeiten in der Funktion, im Material oder in der Philosophie („Form follows Function“) statt im Farbschema.
- Spannungsfelder erforschen: Sehen Sie den Kontrast zwischen Alt und Neu nicht als Problem, sondern als Quelle für Energie und Interesse im Raum.
- Philosophische Gemeinsamkeiten suchen: Fragen Sie sich, welche Werte das antike Möbel und das moderne Kunstwerk teilen könnten – sei es Handwerkskunst, Reduktion oder Innovationsgeist.
Indem Sie aufhören, Ihr Sofa zu befragen, und stattdessen einen Dialog zwischen den Objekten anstossen, erschaffen Sie eine Umgebung, die einzigartig, zeitlos und zutiefst persönlich ist.
Wie beleuchtet man pastose (dick aufgetragene) Malerei, um die Struktur hervorzuheben?
Pastose Malerei, bei der die Farbe dick und fast skulptural aufgetragen wird, lebt von ihrer Dreidimensionalität. Die Textur, die Pinselstriche, die reliefartige Oberfläche – all das ist Teil des Kunstwerks. Eine frontale, flache Beleuchtung würde diese Qualitäten auslöschen und das Werk seiner physischen Präsenz berauben. Um die Struktur einer pastosen Arbeit hervorzuheben, ist eine spezielle Lichtführung unerlässlich: das Streiflicht (auch als Raking Light bekannt).
Streiflicht bedeutet, dass die Lichtquelle nicht direkt von vorne, sondern von der Seite oder von oben in einem steilen Winkel auf das Gemälde trifft. Dadurch entstehen feine Schatten in den „Tälern“ des Farbauftrags, während die „Gipfel“ hell erleuchtet werden. Diese Licht- und Schatten-Modulation macht die Textur sichtbar und fast greifbar. Für eine maximale Betonung der Struktur empfehlen professionelle Lichttechniker einen Abstrahlwinkel von 30 bis 45 Grad. Dies kann durch einen schwenkbaren LED-Spot an der Decke oder eine gezielt ausgerichtete Bilderleuchte erreicht werden. Wichtig ist, eine Lichtquelle mit einem hohen Farbwiedergabeindex (CRI > 90) zu verwenden, damit die Farben des Werkes unverfälscht wiedergegeben werden.

Experimentieren Sie mit dem Winkel und der Position der Lichtquelle. Je steiler der Winkel des Streiflichts, desto dramatischer werden die Schatten und desto stärker wird die Textur betont. Bei einem zu steilen Winkel können die Schatten jedoch überhandnehmen und das Bild unruhig wirken lassen. Der ideale Winkel hängt von der spezifischen Beschaffenheit des Kunstwerks ab. Die richtige Beleuchtung ist kein technisches Detail, sondern der letzte Akt des Kuratierens. Sie haucht dem Werk Leben ein und sorgt dafür, dass es seine volle materielle und emotionale Wirkung im Raum entfalten kann.
Indem Sie die physische Textur der Kunst zelebrieren, schaffen Sie eine weitere, subtile Verbindung zu der materiellen Qualität und der handwerklichen Patina Ihrer antiken Möbel. Materie spricht mit Materie, über die Epochen hinweg.
Wann ist der richtige Moment zu kaufen: Vor oder nach der ersten Museumsschau?
Für Sammler mit einem Auge für Wertsteigerung ist das Timing des Kaufs entscheidend. Der Lebenslauf eines Künstlers folgt oft einem Muster: Entdeckung durch eine Galerie, erste Solo-Ausstellungen, Teilnahme an Kunstmessen, erste institutionelle Ausstellung in einem Museum und schliesslich die Etablierung auf dem Auktionsmarkt. Die Frage ist: An welchem Punkt dieser Reise steigt man am besten ein? Die Antwort ist klar: Der ideale Kaufzeitpunkt liegt im strategischen Fenster zwischen der Aufnahme in eine renommierte Galerie und der ersten grossen Museumsausstellung.
In dieser Phase ist der Künstler bereits durch das kritische Auge eines Galeristen validiert, was ein gewisses Mass an Qualität und Potenzial signalisiert. Die Preise sind jedoch noch moderat, da die breite institutionelle Anerkennung und der damit verbundene Preissprung noch ausstehen. Das Zurich Art Weekend 2024, bei dem über 180 Künstler an mehr als 65 Orten präsentiert wurden, illustrierte diesen „Galerie-Effekt“ perfekt. Es wurde deutlich, dass Kunstschaffende aus renommierten Galerien durchschnittliche Preissteigerungen von 15-25% erfahren, nachdem ihre Werke in einer ersten institutionellen Schau gezeigt wurden. Wer vorher kauft, profitiert direkt von diesem Sprung. Nach der ersten Museumsschau ist das „Entdecker-Potenzial“ grösstenteils realisiert, und die Preise bewegen sich auf einem neuen, höheren Niveau.
Diese Strategie des „Früh-Kaufens“ wird auch durch die Perspektive von Förderinstitutionen gestützt. Wie Léa Fluck im Kontext der Swiss Art Awards betont, ist das Interesse an unkonventionellen Lebensläufen und noch unbekannten Positionen gross:
Die Kommission interessiert sich für ungewöhnliche Lebensläufe und noch unbekannte Künstler:innen, was wiederum zu unerwarteten Resultaten führen kann.
– Léa Fluck, Kunstbulletin
Diese Aussage unterstreicht, dass selbst offizielle Gremien nach dem Unentdeckten suchen. Als Sammler haben Sie die Chance, dieser kuratorischen Einschätzung zuvorzukommen und zu investieren, bevor der offizielle Segen den Preis in die Höhe treibt.
Es erfordert Recherche, den Besuch von Galerieeröffnungen und Abschlussausstellungen von Kunsthochschulen sowie das Vertrauen in die eigene Intuition – eine spannende Jagd nach den Meisterwerken von morgen.
Warum sind junge Künstler in Zürich oft teurer als in der Romandie?
Der Schweizer Kunstmarkt ist nicht homogen; er ist ein Mosaik aus regionalen Ökosystemen mit unterschiedlichen Dynamiken, Preisniveaus und Mentalitäten. Eine der auffälligsten Diskrepanzen besteht zwischen der Deutschschweiz, mit Zürich als unbestrittenem Zentrum, und der Romandie. Für junge Künstler dokumentiert der Verband Kunstmarkt Schweiz Preisunterschiede von 20-35%, wobei die Durchschnittspreise in Zürich deutlich höher liegen. Dieser Unterschied hat tiefgreifende strukturelle Gründe.
Zürich ist das Finanz- und Wirtschaftszentrum der Schweiz. Die Dichte an potenten Sammlern, internationalen Unternehmen und grossen Galerien ist hier am höchsten. Der Markt ist etablierter, professioneller und stärker auf den kommerziellen Erfolg ausgerichtet. Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) betreten einen Markt mit hoher Nachfrage und entsprechend höheren Einstiegspreisen. Die Romandie hingegen, insbesondere Genf und Lausanne, profitiert von einem anderen Klima. Genf ist durch die Präsenz von NGOs und der UNO internationaler und stärker französisch geprägt. Der Markt wird oft als „Entdecker-Markt“ beschrieben. Absolventen der renommierten ECAL (École cantonale d’art de Lausanne) starten oft mit niedrigeren Preisen, was Sammlern einen attraktiveren Einstieg ermöglicht. Initiativen wie der Prix Images Vevey x ECAL 2024 fördern Talente früh, bevor sie zwangsläufig den teureren Zürcher Markt anstreben.
Für einen Sammler bedeutet dies eine strategische Wahl des Jagdreviers. Wer in Zürich kauft, investiert in einen Markt, der bereits ein hohes Mass an kommerzieller Validierung bietet. Wer in der Westschweiz auf Entdeckungsreise geht, hat die Chance, Talente an der Wurzel zu packen und von einem potenziell höheren prozentualen Wertzuwachs zu profitieren. Es ist der Unterschied zwischen dem Kauf in einem etablierten Luxuskaufhaus und dem Finden eines Schatzes in einer kuratierten Boutique.
Ein Besuch der Diplomausstellungen sowohl an der ZHdK als auch an der ECAL kann aufschlussreiche Einblicke geben und ist für jeden ambitionierten Sammler in der Schweiz ein absolutes Muss.
Das Wichtigste in Kürze
- Kuratieren Sie Dialoge, nicht Dekoration: Die stärkste Verbindung zwischen Alt und Neu entsteht durch eine narrative oder philosophische Brücke, nicht durch Farbabstimmung.
- Der richtige Kaufzeitpunkt ist ein strategisches Fenster: Investieren Sie in junge Künstler nach der Galerieaufnahme, aber vor der ersten grossen Museumsschau, um das Wertpotenzial zu maximieren.
- Der Schweizer Kunstmarkt hat regionale Dynamiken: Zürich bietet etablierte Namen zu höheren Preisen, während die Romandie als „Entdecker-Markt“ mit attraktiveren Einstiegsmöglichkeiten lockt.
Warum sollten Sie auch nicht-schweizerische Künstler in Ihre Sammlung aufnehmen?
Eine Sammlung, die sich ausschliesslich auf Schweizer Kunst konzentriert, kann zwar Tiefe in einem Bereich entwickeln, läuft aber Gefahr, provinziell zu werden. Der wahre Wert einer Sammlung im 21. Jahrhundert liegt in ihrer Fähigkeit, einen globalen Dialog zu führen. Die Aufnahme internationaler Künstler ist kein Verrat an der lokalen Szene, sondern eine essenzielle Bereicherung, die die eigenen Schweizer Positionen in einen breiteren Kontext stellt und ihre Relevanz unterstreicht. Die Schweiz, mit globalen Plattformen wie der Art Basel, hat seit jeher eine internationale Denkweise im Kunsthandel mandatiert.
Eine bewährte kuratorische Strategie für eine ausgewogene Sammlung ist die 70/30-Regel. 70% der Sammlung können Schweizer Künstlern gewidmet sein, um die lokale Szene aktiv zu stärken und eine starke regionale Identität aufzubauen. Die verbleibenden 30% sollten strategisch mit internationalen Positionen gefüllt werden, die den Dialog anregen. So kann beispielsweise ein Werk der Schweizer Konkreten Kunst (wie Max Bill) neben einen deutschen Künstler der Zero-Gruppe (wie Günther Uecker) gehängt werden. Beide teilten das Interesse an Licht, Bewegung und seriellen Strukturen. Plötzlich beginnen die Werke über nationale Grenzen hinweg miteinander zu sprechen. Die europäische Nachkriegsabstraktion oder der amerikanische abstrakte Expressionismus können so zu verbindenden Themen werden, die die eigenen Schweizer Schätze neu beleuchten.
Veranstaltungen wie die Art International Zurich betonen genau diesen Austausch. Wie es in ihrer Philosophie heisst, ist die Messe „ein Ort des Austauschs – zugänglich und doch mit der internationalen Kunstszene verbunden“. Dieser Geist sollte auch für die private Sammlung gelten. Ein Werk eines jungen deutschen Künstlers neben einem Werk eines ECAL-Absolventen über einer antiken Bündner Kommode – das ist keine zufällige Ansammlung, sondern ein kuratiertes Statement über die eigene Offenheit und die Verbindungen, die Kunst über Zeit und Raum hinweg schaffen kann.
Beginnen Sie noch heute damit, Ihre geerbten Schätze nicht als dekorative Last, sondern als den ersten Satz in einem faszinierenden Gespräch mit der Kunst der Gegenwart zu sehen. Ihre persönliche Sammlung, die Ihre Geschichte erzählt und gleichzeitig die Welt widerspiegelt, wartet darauf, von Ihnen kuratiert zu werden.