Veröffentlicht am Mai 12, 2024

Eine internationale Sammlung ist mehr als eine blosse Aneinanderreihung ausländischer Namen; sie ist ein strategisch geknüpftes Netz aus kulturellen Dialogen.

  • Logistische Hürden wie Zoll und Versicherung sind keine Hindernisse, sondern kalkulierbare Faktoren einer globalen Strategie.
  • Der wahre Wert entsteht durch das kuratorische Narrativ, das lokale und globale Kunst in einen spannenden Dialog treten lässt.

Empfehlung: Betrachten Sie jeden internationalen Kauf nicht als Trophäe, sondern als Brückenschlag, der Ihre gesamte Sammlung neu kontextualisiert und aufwertet.

In den Salons und an den Wänden versierter Schweizer Sammler dominiert oft eine exquisite Auswahl nationaler Meister. Von Hodler bis Fischli/Weiss, die Qualität und Tiefe der Schweizer Kunst ist unbestreitbar und bildet das Fundament vieler beeindruckender Kollektionen. Doch in einer zunehmend vernetzten Welt stellt sich die Frage: Genügt dieser Fokus auf das Heimische, um eine Sammlung von wahrhaft globaler Relevanz und Dynamik zu schaffen? Man spürt eine leise Unruhe, den Wunsch nach neuen Impulsen, die über die vertrauten Alpenpanoramen hinausweisen.

Der gängige Rat lautet oft, die Sammlung zu „diversifizieren“ und internationale Kunstmessen zu besuchen. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. Er behandelt internationale Kunst wie eine exotische Zutat, die man einer bestehenden Rezeptur hinzufügt. Dies führt oft zu einer Sammlung, die zwar vielfältig erscheint, aber kein kohärentes Ganzes bildet. Die eigentliche Herausforderung und zugleich die grösste Chance liegen nicht im wahllosen Erwerb ausländischer Werke, sondern in der Entwicklung eines übergeordneten Konzepts.

Was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, einfach nur internationale Kunst zu besitzen, sondern darin, ein kuratorisches Narrativ zu schaffen? Ein Narrativ, in dem ein Werk aus Seoul einen Dialog mit einem aus Genf beginnt, in dem eine Skulptur aus Lagos die Wahrnehmung eines Gemäldes aus Zürich verändert. Es geht darum, strategische Brücken zwischen Kulturen zu schlagen und die eigene Sammlung als lebendigen Organismus zu begreifen, der durch globale Perspektiven atmet und wächst.

Dieser Leitfaden verzichtet auf oberflächliche Ratschläge. Stattdessen bietet er einen strategischen Rahmen für Schweizer Sammler, die den nächsten Schritt wagen wollen. Wir analysieren die realen Kosten und Risiken, zeigen die besten Wege zur Entdeckung neuer Talente auf und beleuchten die kuratorischen Strategien, die aus einer Ansammlung von Werken eine visionäre, internationale Sammlung formen.

Die folgende Übersicht führt Sie durch die zentralen Aspekte, die es beim Aufbau einer international ausgerichteten Sammlung zu beachten gilt. Von den pragmatischen Hürden des Imports bis hin zu den feinen Unterschieden regionaler Kunstszenen bietet jeder Abschnitt fundierte Einblicke und strategische Lösungsansätze.

Was kostet der Import eines Kunstwerks aus der EU in die Schweiz wirklich?

Der Gedanke, ein faszinierendes Werk aus einer Berliner Galerie oder einem Pariser Atelier in die Schweiz zu holen, wird oft von der Sorge vor unkalkulierbaren Kosten begleitet. Die erste Zahl, die Sammler im Kopf haben, ist die Mehrwertsteuer. Tatsächlich fällt bei der Einfuhr von Kunstwerken in die Schweiz ein reduzierter Satz an. Gemäss den aktuellen Schweizer Einfuhrbestimmungen liegt dieser bei 8.1% MWST seit dem 1. Januar 2024. Doch diese Zahl ist nur die Spitze des Eisbergs und bildet den Auftakt zu einem komplexeren Risikokalkül, das aber beherrschbar ist.

Die wahren Kosten verstecken sich oft im Kleingedruckten der Logistikkette. Professionelle Spediteure, die auf Kunsttransporte spezialisiert sind, bieten zwar die nötige Sicherheit, aber ihre Dienstleistungen haben ihren Preis. Es ist entscheidend, diese Posten nicht als blosse Ausgaben, sondern als Investition in die Werterhaltung des Kunstwerks zu betrachten. Ein unsachgemässer Transport kann schnell zu Schäden führen, deren Behebung die Einsparungen bei den Logistikkosten bei Weitem übersteigt.

Um böse Überraschungen zu vermeiden, ist eine detaillierte Budgetierung unerlässlich. Die folgenden Posten sollten in jede Kalkulation einbezogen werden, um ein realistisches Bild der Gesamtkosten zu erhalten:

  • Verzollungsgebühren des Spediteurs: Je nach Anbieter und Komplexität fallen hierfür zwischen CHF 80 und CHF 250 an.
  • Zollagent-Gebühren: Bei Kunstwerken über einem Wert von CHF 10’000 können zusätzliche Gebühren von etwa 0.5% bis 1% des Warenwerts anfallen.
  • Temporäre Lagergebühren: Muss das Werk im Zollfreilager zwischengelagert werden, können Kosten von CHF 100 bis CHF 500 pro Woche entstehen.
  • Transportversicherung: Eine „Nagel zu Nagel“-Versicherung ist unerlässlich und beläuft sich auf 0.1% bis 0.3% des Kunstwerts.
  • Vorlageprovision für ZAZ-Konto: Nutzt der Spediteur sein eigenes Zollkonto (ZAZ), kann eine Provision von bis zu 3% auf den MWST-Betrag verrechnet werden.

Eine transparente Aufschlüsselung aller potenziellen Gebühren durch den gewählten Logistikpartner ist daher nicht nur ein Zeichen von Professionalität, sondern die Grundlage für eine fundierte Kaufentscheidung. Das Verständnis dieser Kostenstruktur verwandelt die gefühlte Unsicherheit in eine beherrschbare Variable Ihrer internationalen Sammlungsstrategie.

Das Risiko beim Versand von Kunst über Landesgrenzen ohne Spezialversicherung

Ist der Kauf getätigt und der Import budgetiert, beginnt die heikelste Phase: der physische Transport des Kunstwerks. Viele Sammler wiegen sich in falscher Sicherheit, da sie annehmen, ihre reguläre Hausratversicherung decke auch wertvolle Kunstgegenstände ab. Dies ist ein gefährlicher Irrtum. Standardpolicen sind für die spezifischen Risiken eines internationalen Kunsttransports – von Klimaschwankungen über subtile Erschütterungen bis hin zu mysteriösem Verschwinden – völlig unzureichend. Das wahre Risiko liegt nicht nur im potenziellen Totalverlust, sondern auch in der Wertminderung nach einer Beschädigung, ein Aspekt, den nur Spezialversicherungen abdecken.

Fallbeispiel: Beschlagnahme wegen fehlender CITES-Dokumente

Ein Schweizer Sammler importierte 2023 eine zeitgenössische Skulptur mit Elfenbein-Elementen aus Paris. Trotz korrekter Verzollung wurde das Kunstwerk aufgrund fehlender CITES-Artenschutzzeugnisse an der Grenze beschlagnahmt. Die reguläre Transportversicherung griff nicht, da es sich um einen administrativen Fehler handelte. Die nachträgliche Beschaffung der Dokumente dauerte 6 Monate und kostete zusätzlich CHF 4’500 an Anwalts- und Verwaltungsgebühren – ein Risiko, das eine gute Kunstspezialversicherung mit abgedeckt hätte.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Risiken weit über blosse Transportschäden hinausgehen. Eine Kunstspezialversicherung ist mehr als nur eine Schadenspolice; sie ist ein umfassendes Risikomanagement-Tool, das auch administrative und rechtliche Fallstricke berücksichtigt. Der Unterschied zur Standard-Hausratversicherung ist fundamental, wie ein direkter Vergleich verdeutlicht.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse gängiger Versicherungsprodukte, zeigt die entscheidenden Unterschiede auf:

Vergleich: Standard-Hausrat vs. Kunstspezialversicherung
Kriterium Standard-Hausrat Kunstspezialversicherung
Maximale Deckung pro Objekt CHF 30’000 Unbegrenzt
Transport ins Ausland Nicht gedeckt Weltweit gedeckt
Wertminderung nach Schaden Nicht gedeckt Bis 100% gedeckt
Klimaschäden Nur Elementar Alle Klimarisiken
Mysteriöses Verschwinden Ausgeschlossen Eingeschlossen

Die Entscheidung für eine „Nagel zu Nagel“-Spezialversicherung ist somit kein Luxus, sondern ein integraler Bestandteil des strategischen Kaufs. Sie schützt nicht nur den materiellen Wert des Objekts, sondern auch die finanzielle Investition des Sammlers gegen eine Vielzahl von Eventualitäten, die im globalen Kunstmarkt an der Tagesordnung sind.

Basel oder Miami: Wo entdeckt man die besten internationalen Newcomer?

Sobald die praktischen Hürden von Kosten und Versicherung als beherrschbare Grössen verstanden sind, richtet sich der Blick des Sammlers auf die wohl aufregendste Frage: Wo finde ich das nächste aussergewöhnliche Werk? Die grossen Kunstmessen wie die Art Basel, die Frieze in London oder die Art Basel in Miami Beach sind zweifellos die Hauptbühnen des globalen Kunstmarkts. Sie bieten eine unerreichte Dichte an qualitativ hochstehender Kunst. Doch für die Entdeckung echter internationaler Newcomer sind sie nicht immer der effizienteste Ort. Oft sind die gezeigten Positionen bereits durch den Filter der etablierten Galerien gegangen und haben ein entsprechendes Preisniveau erreicht.

Die strategische Entdeckungsreise beginnt abseits der Hauptbühnen. Während die Art Basel in der Schweiz ein unverzichtbarer Treffpunkt ist, um den Puls des Marktes zu fühlen, liegt der Schlüssel zur Entdeckung oft in den spezialisierten Sektoren oder den parallel stattfindenden Nebenmessen. Bereiche wie „Statements“ auf der Art Basel, die sich auf Solopräsentationen junger Künstler konzentrieren, sind wahre Goldgruben. Hier zeigt sich, welche Galerien den Mut haben, aufstrebende Talente zu fördern und ihnen eine erste grosse Plattform zu bieten.

Dieses Bild fängt den Moment der Entdeckung ein, in dem ein Sammler sich intensiv mit einem Werk auseinandersetzt – ein stiller Dialog, der den Grundstein für eine neue Ergänzung der Sammlung legen kann.

Kunstliebhaber entdecken aufstrebende Künstler im Statements-Bereich der Art Basel

Doch der wahre Horizont erweitert sich, wenn man den Messezirkus gezielt verlässt. Ein kosmopolitischer Sammler agiert proaktiv und diversifiziert seine Entdeckungsstrategien:

  • Biennalen und Triennalen: Veranstaltungen wie die Biennale di Venezia oder die Documenta in Kassel sind oft seismografischer und weniger kommerziell ausgerichtet als Messen. Hier werden die Diskurse von morgen verhandelt.
  • Galerien-Wochenenden: Städte wie Berlin, Brüssel oder Mexico City veranstalten konzentrierte Galerien-Wochenenden, die einen tiefen Einblick in die lokale Szene ermöglichen.
  • Digitale Plattformen und Atelierbesuche: Plattformen wie Artsy oder See Saw ermöglichen eine erste Recherche, aber der direkte Kontakt und der Besuch im Atelier eines Künstlers im Ausland bleiben die intensivste und lohnendste Form der Entdeckung.

Die Frage ist also nicht „Basel oder Miami?“, sondern die Entwicklung einer mehrgleisigen Strategie. Es geht darum, die grossen Messen als Barometer zu nutzen, aber die eigentlichen Entdeckungen dort zu machen, wo Kunst entsteht und zuerst gezeigt wird – in den Galerien, den Off-Spaces und den Ateliers der Metropolen weltweit.

Wann ist es problematisch, indigene Kunst ohne Kontext zu kaufen?

Die Öffnung der Sammlung für globale Perspektiven führt unweigerlich zur Auseinandersetzung mit Kunst aus nicht-westlichen Kulturkreisen. Insbesondere indigene Kunst, sei es von den First Nations in Kanada, den Aborigines in Australien oder aus Gemeinschaften in Lateinamerika und Afrika, übt eine starke Faszination aus. Doch gerade hier ist höchste Sensibilität und Verantwortung gefragt. Der Kauf solcher Werke ohne tiefes Verständnis für ihren Kontext, ihre Entstehungsgeschichte und ihre Bedeutung ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern birgt auch erhebliche rechtliche und reputative Risiken.

Ein Werk indigener Kunst ist selten nur ein ästhetisches Objekt. Es ist oft untrennbar mit rituellen, spirituellen oder sozialen Praktiken verbunden. Es aus diesem Kontext zu reissen und als dekoratives Element in einem europäischen Wohnzimmer zu platzieren, kann als Akt kultureller Aneignung missverstanden werden. Das Hauptproblem liegt in der Provenienzkette. Eine lückenlose und ethisch einwandfreie Herkunftsgeschichte ist hier kein Bonus, sondern eine absolute Notwendigkeit. Ohne sie läuft der Sammler Gefahr, unwissentlich Hehlerware oder unrechtmässig exportierte Kulturgüter zu erwerben.

Viele Länder haben strenge Gesetze zum Schutz ihres kulturellen Erbes erlassen. Ein Kauf, der diese Gesetze ignoriert, kann zu Rückgabeforderungen, Rechtsstreitigkeiten und einem erheblichen Ansehensverlust führen. Schweizer Museen und kantonale Sammlungen, wie die des Kantons Zürich, investieren daher massiv in die Provenienzforschung, um ihre Bestände auf problematische Erwerbungen zu überprüfen und ihre Ankaufspolitik entsprechend anzupassen.

Für einen privaten Sammler ist es daher unerlässlich, vor dem Kauf einen Katalog kritischer Fragen zu stellen. Diese Fragen dienen nicht dazu, den Kauf zu verhindern, sondern ihn auf eine solide, respektvolle und rechtlich abgesicherte Grundlage zu stellen:

  • Provenienz: Können Sie die lückenlose Herkunftsgeschichte seit der Entstehung des Werks nachweisen?
  • Exportlizenzen: Existieren offizielle Exportgenehmigungen aus dem Herkunftsland?
  • Fairer Handel: Welcher Anteil des Verkaufspreises fliesst direkt an den Künstler oder die Herkunftsgemeinschaft zurück?
  • Dokumentation: Wurde das Werk bereits in einem anerkannten Museum ausgestellt oder in einer wissenschaftlichen Publikation dokumentiert?
  • Garantie: Bietet der Verkäufer (die Galerie) eine schriftliche Garantie, die den Käufer von jeglichen Rückforderungsansprüchen Dritter freistellt?

Der Erwerb indigener Kunst ist eine Chance, strategische Brücken zu anderen Kulturen zu bauen und den eigenen Horizont zu erweitern. Er erfordert jedoch mehr als nur ein geschultes Auge – er erfordert Respekt, Sorgfalt und die Bereitschaft, sich mit der Geschichte und Bedeutung hinter dem Werk auseinanderzusetzen.

Wie kombiniert man asiatische Gegenwartskunst mit europäischem Design?

Die erfolgreiche Integration internationaler Kunst in eine bestehende Sammlung ist eine kuratorische Meisterleistung. Es geht nicht darum, Werke einfach nebeneinander zu hängen, sondern einen visuellen und intellektuellen Dialog zu schaffen. Eine besonders spannende Herausforderung ist die Kombination von asiatischer Gegenwartskunst, die oft von einer reichen Tradition der Kalligrafie, Spiritualität und Materialität geprägt ist, mit der klaren, funktionalen Ästhetik des europäischen Designs, wie sie etwa in Schweizer Wohnräumen häufig zu finden ist.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, formale und konzeptuelle Korrespondenzen zu finden, anstatt auf oberflächliche Gegensätze zu setzen. Anstatt einen krassen Kontrast zu erzeugen, sucht der versierte Sammler nach subtilen Verbindungen. Die geschwungene Linie einer Tuschezeichnung kann die Kurve eines Designklassikers von Le Corbusier aufgreifen. Die meditative Ruhe eines monochromen koreanischen Gemäldes kann durch die minimalistische Strenge eines USM-Möbelsystems noch verstärkt werden. Es entsteht ein Wertdialog, bei dem sich die einzelnen Elemente gegenseitig aufladen und in ihrer Wirkung potenzieren.

Die harmonische Verbindung von asiatischer Kalligrafie und europäischen Designmöbeln in diesem Interieur zeigt, wie durchdachte kuratorische Entscheidungen einen Raum in eine Bühne für einen stillen, aber kraftvollen Kulturdialog verwandeln können.

Harmonische Kombination asiatischer Kalligrafie mit europäischen Designmöbeln in Schweizer Wohnung

Ein inspirierendes Beispiel für diese Strategie findet sich in der Museumswelt. Das Kunsthaus Zürich hat in seiner Chipperfield-Erweiterung einen wegweisenden Ansatz gewählt.

Dialogische Hängung im Kunsthaus Zürich

Seit 2021 inszeniert das Kunsthaus Zürich einen innovativen Dialog zwischen amerikanischer Abstraktion (z.B. aus der Sammlung Hubert Looser) und Werken der klassischen Moderne. Die kuratorische Strategie zeigt exemplarisch, wie unterschiedliche Kulturkreise durch formale Korrespondenzen in einen produktiven Austausch treten können. So werden beispielsweise die Farbfelder eines Mark Rothko in einen visuellen Dialog mit der Ästhetik traditioneller asiatischer Tuschemalerei gesetzt, was dem Betrachter völlig neue Sichtweisen auf beide Werke eröffnet.

Für den privaten Sammler bedeutet dies, sich von der Idee einer thematischen oder geografischen Hängung zu lösen. Stattdessen sollte das eigene Zuhause als Labor für ein kuratorisches Narrativ verstanden werden. Experimentieren Sie mit der Platzierung. Hängen Sie Werke um. Beobachten Sie, wie sich die Beziehungen zwischen den Objekten verändern. So wird die Sammlung zu einem lebendigen, sich ständig weiterentwickelnden Ausdruck Ihrer persönlichen Vision und Ihres globalen Blicks.

Wann ist der richtige Moment zu kaufen: Vor oder nach der ersten Museumsschau?

Für Sammler, die internationale Kunst nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch als Investment betrachten, ist das Timing des Kaufs eine entscheidende strategische Frage. Kauft man einen aufstrebenden Künstler, wenn er noch ein Geheimtipp ist, oder wartet man auf die Bestätigung durch eine erste grosse Einzelausstellung in einem renommierten Museum? Beide Strategien haben ihre Vor- und Nachteile und sind Teil des Risikokalküls, das jeder Sammler für sich definieren muss.

Der Kauf vor der ersten Museumsschau ist mit einem höheren Risiko, aber auch mit einem ungleich grösseren Wertsteigerungspotenzial verbunden. In dieser Phase erwirbt man ein Werk auf der Grundlage des eigenen Urteils, des Vertrauens in die Galerie und der frühen Resonanz in der Kunstkritik. Der Preis ist in der Regel noch moderat. Scheitert der Künstler jedoch daran, den nächsten Karriereschritt zu machen, kann die Investition stagnieren oder sogar an Wert verlieren. Dieser Ansatz erfordert Mut, tiefes Wissen und ein gutes Netzwerk.

Der Kauf nach der ersten Museumsschau ist die risikoärmere, aber auch teurere Variante. Eine Ausstellung in einer Institution wie dem Kunsthaus Zürich, dem MoMA in New York oder der Tate Modern in London fungiert als ultimatives Gütesiegel. Sie kanonisiert den Künstler, festigt seinen Platz in der Kunstgeschichte und führt fast unweigerlich zu einer signifikanten und nachhaltigen Preissteigerung auf dem Primär- und Sekundärmarkt. Der Zug ist hier bereits ins Rollen gekommen; man steigt zu einem höheren Preis ein, hat aber eine grössere Sicherheit bezüglich der langfristigen Wertentwicklung.

Der „Kunsthaus-Effekt“ bei Fischli/Weiss

Das Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss ist ein Paradebeispiel für diesen Mechanismus. Nach ihrer ersten grossen Retrospektive im Kunsthaus Zürich im Jahr 1991 erlebten sie eine internationale Wertsteigerung von über 300% innerhalb von nur fünf Jahren. Ihr Werk „Der Lauf der Dinge“ wurde zum Schweizer Kulturgut, und ihre Arbeiten sind heute in den wichtigsten Museen weltweit vertreten. Wer vor 1991 kaufte, tätigte eine visionäre Investition; wer danach kaufte, erwarb einen etablierten Wert.

Letztendlich gibt es keine pauschal richtige Antwort. Die Entscheidung hängt von der Risikobereitschaft und der Strategie des Sammlers ab. Eine ausgewogene Sammlung könnte Werke beider Kategorien enthalten: einige visionäre Wetten auf die Zukunft und einige etablierte Positionen, die das Fundament der Sammlung stabilisieren. Das Wichtigste ist, eine bewusste Entscheidung zu treffen und das eigene Vorgehen im Markt klar zu definieren.

Das Risiko beim Kauf von Street-Photography ohne Model-Release in der Schweiz

Ein besonders faszinierendes und zugleich rechtlich komplexes Feld der internationalen Kunst ist die Street-Photography. Werke von Künstlern wie Henri Cartier-Bresson, Vivian Maier oder Martin Parr fangen das Leben auf der Strasse in einzigartigen Momenten ein. Doch gerade beim Kauf solcher Werke für eine Schweizer Sammlung ist Vorsicht geboten. Der Grund: Das strenge Schweizer Persönlichkeitsrecht (ZGB Art. 28) unterscheidet sich erheblich von der Rechtslage in anderen Ländern, insbesondere den USA.

Das Kernproblem liegt im sogenannten „Model Release“, also der schriftlichen Einwilligung der abgebildeten Person zur Veröffentlichung und kommerziellen Nutzung ihres Bildes. Während in den USA die Kunstfreiheit (First Amendment) oft Vorrang hat, ist in der Schweiz die Einwilligung einer erkennbaren Person grundsätzlich erforderlich. Eine Ausnahme besteht, wenn die Person nur als „Beiwerk“ zu einer Szenerie erscheint (z.B. in einer Menschenmenge auf einem grossen Platz). Sobald eine Person jedoch im Fokus steht, wird die Situation heikel. Ein Sammler, der ein solches Werk ohne Model Release erwirbt und ausstellt, setzt sich dem Risiko einer Klage durch die abgebildete Person aus.

Die Rechtslage ist international uneinheitlich, was für einen global agierenden Sammler eine besondere Herausforderung darstellt. Ein in New York legal entstandenes Foto kann in Zürich zu einem rechtlichen Problem werden. Ein Vergleich der rechtlichen Rahmenbedingungen verdeutlicht die Unterschiede:

Rechtslage Street Photography: Schweiz vs. International
Aspekt Schweiz (ZGB Art. 28) EU (DSGVO) USA (First Amendment)
Erkennbare Personen Einwilligung erforderlich Einwilligung erforderlich Oft durch Kunstfreiheit gedeckt
Person als ‚Beiwerk‘ Erlaubt ohne Einwilligung Situationsabhängig Generell erlaubt
Öffentlicher Raum Kein Freipass Kein Freipass Weitgehende Freiheit
Kommerzielle Nutzung Immer einwilligungspflichtig Immer einwilligungspflichtig Model Release erforderlich

Um sich vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, ist eine proaktive Strategie beim Kauf von Street-Photography unerlässlich. Es geht darum, das rechtliche Risiko zu minimieren, ohne auf den Erwerb dieser faszinierenden Kunstgattung verzichten zu müssen.

Ihr Plan zur Risikominimierung: Schutzstrategie beim Kauf von Street Photography

  1. Garantie einfordern: Verlangen Sie von der Galerie eine schriftliche „Warranty“-Klausel, die Sie von Ansprüchen Dritter freistellt.
  2. Entstehungskontext dokumentieren: Lassen Sie sich Entstehungsort und -datum des Fotos schriftlich bestätigen, um die damals geltende Rechtslage prüfen zu können.
  3. „Beiwerk“-Status prüfen: Analysieren Sie, ob erkennbare Personen objektiv nur eine untergeordnete Rolle im Bild spielen (Faustregel: unter 25% der Bildfläche).
  4. Model Release oder Anonymisierung verlangen: Bestehen Sie bei klaren Porträts auf der Vorlage eines Model Release oder auf einer künstlerischen Anonymisierung des Gesichts.
  5. Rechtsschutz prüfen: Klären Sie ab, ob Ihre Rechtsschutzversicherung auch Streitigkeiten aus Kunstkäufen abdeckt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Importkosten und Versicherungsprämien sind keine unüberwindbaren Barrieren, sondern planbare Investitionen in den Wert und die Sicherheit Ihrer Sammlung.
  • Die ethische Verantwortung, insbesondere beim Kauf indigener Kunst, und die rechtliche Absicherung, wie bei Street Photography, sind zentrale Säulen einer seriösen Sammlungstätigkeit.
  • Der grösste Gewinn einer internationalen Sammlung liegt im kuratorischen Dialog, der entsteht, wenn Werke aus verschiedenen Kulturen miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Unterscheidet sich der Kunstgeschmack in Zürich wirklich von dem in Genf?

Bevor man strategische Brücken in die Welt baut, lohnt sich ein Blick auf die Brücken – oder Gräben – im eigenen Land. Die Frage, ob es einen „Röstigraben“ im Kunstgeschmack gibt, ist mehr als nur eine Anekdote. Sie berührt den Kern dessen, wie regionale Identitäten das Sammeln prägen. Die Schweiz hat laut Schweiz Tourismus die höchste Museumsdichte pro Kopf weltweit, was auf eine tief verwurzelte und vielfältige Kunstkultur hindeutet. Tatsächlich lassen sich historisch gewachsene Tendenzen beobachten: Zürich, mit seiner Nähe zum deutschen Sprachraum, zeigte traditionell eine stärkere Affinität zur deutschen Malerei und zum Expressionismus. Genf hingegen, weltoffen und französisch geprägt, orientierte sich stärker an Paris und der französischen Moderne.

Heute haben sich diese Grenzen jedoch längst aufgelöst. Die grossen Galerien und Sammler in beiden Städten agieren global. Der Kunstgeschmack ist weniger eine Frage der Geografie als vielmehr eine des individuellen kuratorischen Narrativs. Es ist gerade die Fähigkeit, diese alten Klischees zu überwinden und ein Werk der amerikanischen Pop Art neben eines der Arte Povera zu hängen, die eine Sammlung heute modern und relevant macht.

Diese Aufnahme visualisiert die Überbrückung des Röstigrabens auf einer Meta-Ebene. Sie zeigt den materialen Dialog zwischen der rauen Textur, die oft mit dem Deutschschweizer Geschmack assoziiert wird, und der glatten Oberfläche, die dem französischen Einfluss der Romandie zugeschrieben wird. Es ist ein Symbol für die Einheit in der Vielfalt.

Kunstsammlung die den Röstigraben überbrückt mit amerikanischer und französischer Kunst

Für den international ausgerichteten Sammler bedeutet dies eine enorme Chance. Das Verständnis für die subtilen kulturellen Kodierungen des eigenen Landes schärft den Blick für die noch viel grösseren Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf der globalen Bühne. Wer die Nuancen zwischen Zürich und Genf versteht, ist besser gerüstet, um die Verbindungen zwischen einem Werk aus São Paulo und einem aus Tokio zu erkennen. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob sich der Geschmack unterscheidet, sondern: Wie nutze ich als Sammler mein Verständnis für lokale Kontexte, um ein reichhaltigeres, globales Narrativ zu schaffen?

Die Integration internationaler Kunst in eine Schweizer Sammlung ist somit der letzte Schritt in einem Prozess der Öffnung. Sie überbrückt nicht nur den Röstigraben, sondern verbindet die eigene Sammlung mit den grossen kulturellen Strömungen der Welt. Sie macht aus einer herausragenden nationalen Sammlung eine von globaler Bedeutung.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Sammlung nicht nur zu erweitern, sondern sie durch globale Perspektiven in einen lebendigen, kulturellen Dialog zu verwandeln. Der wahre Wert liegt nicht im Besitz, sondern in den Geschichten, die Ihre Kunstwerke gemeinsam erzählen.

Geschrieben von Regula Hurlimann, Kunsthistorikerin und Art Consultant für Privatsammlungen und Firmenmandate. Expertin für den Schweizer Kunstmarkt, Wertanlagen und die Förderung von Nachwuchstalenten mit 20 Jahren Erfahrung in Zürich und Basel.