Veröffentlicht am März 12, 2024

Entgegen der gängigen Annahme ist der „Röstigraben“ in der Schweizer Kunstszene kein trennender Graben, sondern eine produktive Nahtstelle zweier sich ergänzender Ökosysteme.

  • Der Zürcher Kunstmarkt ist durch lokale Wirtschaftskraft und eine Vorliebe für wertstabile, konzeptuelle Kunst geprägt.
  • Der Genfer Markt agiert als internationale Drehscheibe, angetrieben von globalem Kapital und einem Fokus auf narrative, beziehungsbasierte Kunst.

Empfehlung: Erfolgreiche Sammler in der Schweiz betrachten Zürich und Genf nicht als Konkurrenz, sondern nutzen die Stärken beider Pole, um eine vielschichtige und wertvolle nationale Sammlung aufzubauen.

Der „Röstigraben“ ist ein fester Begriff im Schweizer Vokabular, eine oft zitierte Metapher für die kulturellen und mentalen Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Doch manifestiert sich diese Kluft auch im subtilen Reich der Kunst? Kauft man in Zürich anders als in Genf? Die oberflächliche Antwort scheint einfach: Hier das wirtschaftsgetriebene, deutschsprachige Finanzzentrum, dort die diplomatische, französischsprachige Metropole des internationalen Parketts. Man könnte vermuten, dass sich diese Profile eins zu eins auf den Kunstgeschmack übertragen.

Dieser Artikel vertritt jedoch eine differenziertere These. Als Kulturssoziologe argumentiere ich, dass wir es nicht mit einem trennenden Graben, sondern mit einer faszinierenden, tektonischen Nahtstelle zweier komplementärer Kunst-Ökosysteme zu tun haben. Der Zürcher Kunstmarkt wurzelt in der lokalen, Deutschschweizer Wirtschaftskraft und strebt nach wertstabiler, konzeptueller Ästhetik. Genf hingegen pflegt als internationale Drehscheibe eine globalisierte, narrative und beziehungsbasierte Kunstszene. Diese Unterschiede sind keine Schwäche, sondern die eigentliche Stärke des Schweizer Kunstmarktes. Sie zu verstehen, ist der Schlüssel für jeden anspruchsvollen Käufer und Sammler.

Wir werden die sozioökonomische DNA beider Städte entschlüsseln, die Preisunterschiede bei jungen Künstlern analysieren und praktische Wege aufzeigen, wie man als Sammler diese beiden Welten nicht nur überbrückt, sondern für den Aufbau einer einzigartigen, wahrhaft schweizerischen Sammlung nutzt. Es ist eine Reise, die über blosse Ästhetik hinausgeht und tief in das kulturelle Selbstverständnis der Schweiz führt.

Dieser Leitfaden ist in acht Abschnitte gegliedert, die Ihnen helfen, die Dynamiken des Schweizer Kunstmarktes zu verstehen und strategische Entscheidungen für Ihre Sammlung zu treffen. Entdecken Sie die verborgenen Mechanismen, die den Wert von Kunst in Zürich und Genf bestimmen.

Warum sind junge Künstler in Zürich oft teurer als in der Romandie?

Die Beobachtung ist korrekt: Für Werke junger, aufstrebender Künstler zahlt man in Zürich oft einen signifikanten Aufpreis im Vergleich zu Genf oder Lausanne. Dieses „Zürich-Premium“ ist jedoch kein Zufall, sondern das direkte Resultat eines hochverdichteten und ökonomisch potenten Kunst-Ökosystems. Die Preisbildung ist hier weniger eine Frage des individuellen Geschmacks als vielmehr ein Spiegel der sozioökonomischen Infrastruktur der Stadt. Zürich ist nicht nur Finanzzentrum, sondern auch unangefochtene Museumshauptstadt der Schweiz.

Die schiere Dichte an Institutionen schafft ein Umfeld, in dem Kunst permanent sichtbar, diskutiert und bewertet wird. Mit einer Anzahl von 44 Einrichtungen ist Zürich die Stadt mit den meisten Museen in der Schweiz, was eine enorme Nachfrage und ein geschultes Publikum generiert. Dieses Ökosystem wird von mehreren Faktoren angetrieben, die sich gegenseitig verstärken:

  • Höhere Lebenshaltungs- und Atelierkosten: Künstler müssen höhere Grundkosten decken, was sich direkt in den Werkpreisen niederschlägt.
  • Netzwerk finanzstarker Sammler: Die Nähe zum Finanzsektor schafft einen Käuferkreis mit hoher Investitionsbereitschaft, der Kunst auch als wertstabiles Asset betrachtet.
  • Marktorientierte Ausbildung: Die renommierte Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) integriert frühzeitig Aspekte des Kunstmarktes in die Ausbildung, was Absolventen besser auf die Preisdynamik vorbereitet.
  • Starke institutionelle Förderung: Kantonale Werkbeiträge und Stipendien sind oft höher dotiert und schaffen ein kompetitives Umfeld, das die Preise treibt.

Der höhere Preis in Zürich ist also nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Indikator für die Einbettung eines Künstlers in ein etabliertes, karriereförderndes System. Wer hier kauft, investiert nicht nur in ein Werk, sondern auch in das Potenzial eines Künstlers innerhalb dieses starken Marktes.

Wie kauft man als Deutschschweizer Kunst in Genf, wenn man kein Französisch spricht?

Die Vorstellung, eine Genfer Galerie zu betreten und sich auf Französisch über Kunst unterhalten zu müssen, schreckt viele Deutschschweizer ab. Doch diese Sorge ist meist unbegründet. Das Genfer Kunst-Ökosystem ist, bedingt durch die Präsenz internationaler Organisationen und einer globalen Käuferschicht, von Natur aus mehrsprachig. Englisch ist zur Lingua franca des Kunsthandels geworden, ein „Art-glish“, das weltweit verstanden wird. Die grösste Hürde ist nicht die Sprache, sondern das Verständnis für die unterschiedliche Kultur des Kunstkaufs.

Dieser visuelle Eindruck einer typischen Genfer Galerie zeigt eine Atmosphäre, die sowohl elegant als auch einladend ist. Der Fokus liegt auf der persönlichen Interaktion und dem Dialog, oft vermittelt durch Kunstberater, die es gewohnt sind, zwischen Kulturen und Sprachen zu übersetzen.

Elegantes Galerieninterieur in Genf mit internationaler Atmosphäre

Anstatt sich auf sprachliche Perfektion zu konzentrieren, sollten Sie sich auf den Beziehungsaufbau fokussieren. Zeigen Sie ehrliches Interesse, stellen Sie Fragen zur Intention des Künstlers und zur Geschichte des Werks. In Genf zählt die narrative Dimension oft ebenso viel wie die formale Ästhetik. Um die praktische Kommunikation zu erleichtern, helfen einige wenige Sätze auf Französisch, um Eis zu brechen und Respekt zu zeigen:

  • „Was kostet dieses Werk?“ (Quel est le prix de cette œuvre?) – Die zentrale Frage, die immer gestellt werden darf.
  • „Kann ich ein Echtheitszertifikat erhalten?“ (Puis-je avoir un certificat d’authenticité?) – Ein unverzichtbarer Schritt zur Absicherung Ihrer Investition.
  • „Ist ein Rabatt möglich?“ (Y a-t-il une réduction possible?) – Besonders beim Kauf mehrerer Werke oder bei längerfristigen Kundenbeziehungen ist Verhandeln in Galerien durchaus üblich.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die sprachliche Barriere als Chance zu sehen. Sie signalisiert, dass Sie bereit sind, eine neue Welt zu betreten – eine Geste, die im beziehungsbasierten Genfer Markt hoch geschätzt wird.

Warum ist Kunst in Zürich oft „bankentauglicher“ und in Genf internationaler?

Die Begriffe „bankentauglich“ und „international“ beschreiben treffend die zwei Pole des Schweizer Kunstmarktes. Diese Ausprägungen sind keine zufälligen Stilfragen, sondern das direkte Resultat der jeweiligen sozioökonomischen DNA von Zürich und Genf. In Zürich, dem Zentrum der Schweizer Finanzindustrie, wird Kunst oft durch die Brille der Wertanlage betrachtet. Sammler aus dem Banken- und Versicherungswesen bevorzugen etablierte Positionen, oft aus der deutschen Konzeptkunst oder der geometrischen Abstraktion, die als wertstabil und weniger volatil gelten. Der Kunstkauf ist hier oft eine rationale, portfolio-orientierte Entscheidung.

In Genf hingegen, der Drehscheibe für internationale Organisationen, Diplomaten und globales Vermögen, ist der Markt fluider und globaler. Hier dominieren französische Figuration, aber auch Einflüsse aus dem Nahen Osten, Asien und Südamerika. Der Kaufakt ist stärker narrativ und beziehungsbasiert. Man kauft nicht nur ein Objekt, sondern die Geschichte dahinter und die Beziehung zum Künstler oder Galeristen. Wie Anne-Laure Bandle, Direktorin der Stiftung für Kunstrecht in Genf, hervorhebt, suchen vermögende Akteure neue Investitionsmöglichkeiten, aber „in aller Diskretion“. Dieser Wunsch nach Diskretion und Exklusivität prägt den Genfer Markt.

Die Hauptursachen für die Explosion der Preise sind die Zunahme der Vermögen in der Welt und der Reichtum der Akteure, was dazu führt, dass die Leute mehr Kunstwerke kaufen, dass sie sich ab einem bestimmten Betrag dafür interessieren, zum Vergnügen, aber auch weil sie neue Investitionsmöglichkeiten suchen, aber in aller Diskretion.

– Anne-Laure Bandle, Direktorin der Stiftung für Kunstrecht in Genf

Die folgende Tabelle fasst die zentralen Unterschiede der beiden Kunst-Ökosysteme zusammen und dient als strategischer Kompass für Sammler.

Kunstmarkt-Charakteristika Zürich vs. Genf
Kriterium Zürich Genf
Museumsanzahl 44 Einrichtungen Ca. 15 Einrichtungen
Hauptsammler Finanzsektor, Banken Internationale Organisationen, Diplomaten
Kunstrichtung Deutsche Konzeptkunst, Abstraktion Französische Figuration, internationale Stile
Preissegment Premium-Segment Breiter gefächert
Sprache in Galerien Deutsch/Englisch Französisch/Englisch/’Art-glish‘

Wo findet man in Genf und Zürich die Kunst von morgen abseits der Galerien?

Während die etablierten Galerien das Herz des Kunstmarktes bilden, schlägt sein Puls am kräftigsten in den alternativen Räumen, den sogenannten „Off-Spaces“, und bei den Diplomausstellungen der Kunsthochschulen. Hier, abseits des kommerziellen Drucks, wird experimentiert, riskiert und oft die Kunst von morgen geboren. Wer als Sammler wirklich neue Talente entdecken will, muss die ausgetretenen Pfade der grossen Galerienviertel verlassen und sich in diese dynamischen Zonen begeben.

Ein herausragendes Beispiel für die institutionelle Talentförderung sind die Swiss Art Awards. Diese werden jährlich parallel zur Art Basel verliehen und bieten eine einzigartige Plattform für aufstrebende Künstler. Die Ausstellung der nominierten Werke ist ein Pflichttermin für jeden ernsthaften Sammler, der den Puls der Zeit fühlen möchte.

Fallstudie: Die Swiss Art Awards als Talentschmiede

Die jährlich während der Art Basel verliehenen Swiss Art Awards sind ein Seismograf für neue Strömungen in der Schweizer Kunst. Jeder Gewinner erhält nicht nur ein Preisgeld von CHF 25’000, sondern auch immense Sichtbarkeit. Aus über 400 Bewerbungen wählt eine Fachjury die Nominierten aus. Die begleitende Ausstellung ist eine kuratierte Momentaufnahme des jungen Schweizer Kunstschaffens und bietet eine einmalige Gelegenheit, Künstler zu entdecken, bevor ihre Preise auf dem Galerienmarkt etabliert sind.

Neben solchen Grossveranstaltungen sind es vor allem die von Künstlern selbst betriebenen Projekträume und die jährlichen Abschlussausstellungen der Kunsthochschulen, die einen unverfälschten Einblick gewähren. Hier kann man direkt mit den Künstlern in Kontakt treten und Werke zu Atelierpreisen erwerben.

Aktionsplan: So finden Sie die Kunst von morgen

  1. Off-Spaces identifizieren: Recherchieren Sie Projekträume in Zürich (z.B. rund um die Langstrasse und in Altstetten wie das ‚Dienstgebäude‘) und in Genf (im Umfeld von ‚Forde‘ und dem MAMCO).
  2. Diplomausstellungen besuchen: Notieren Sie sich die Termine der jährlichen Abschlussausstellungen der ZHdK (Zürich) und der HEAD (Genf), meist im Juni oder Juli.
  3. Offene Ateliers nutzen: Halten Sie Ausschau nach Veranstaltungen wie den „Offenen Ateliers Zürich“, die einen direkten Zugang zu den Produktionsorten ermöglichen.
  4. Preisverleihungen verfolgen: Besuchen Sie die Ausstellung der Swiss Art Awards während der Art Basel, um einen kuratierten Überblick über die vielversprechendsten Talente zu erhalten.
  5. Netzwerk aufbauen: Sprechen Sie mit den Künstlern und Kuratoren dieser alternativen Räume; sie sind die besten Quellen für Empfehlungen.

Das Risiko, als Zürcher „zu viel“ Zürcher Kunst zu kaufen und den Horizont zu verengen

Für einen Sammler mit Basis in Zürich ist es naheliegend und bequem, sich auf den lokalen Markt zu konzentrieren. Das dichte Netz an Galerien, die hohe Qualität und die kulturelle Vertrautheit schaffen ein attraktives Umfeld. Doch in dieser Konzentration liegt auch ein strategisches Risiko: die Gefahr einer monokulturellen Sammlung. Eine Sammlung, die ausschliesslich aus dem Zürcher Kunst-Ökosystem schöpft, mag wertstabil sein, doch sie verpasst die narrative Tiefe, die internationale Relevanz und die stilistische Vielfalt, die der Genfer Markt und andere Schweizer Kunstregionen bieten.

Eine wahrhaft repräsentative Schweizer Sammlung spiegelt die Vielfalt des Landes wider. Sie ist ein Dialog zwischen der konzeptuellen Strenge Zürichs, der narrativen Eleganz Genfs und der expressiven Kraft anderer Regionen wie dem Tessin oder Basel. Die Diversifikation ist nicht nur eine Absicherung gegen Marktschwankungen, sondern vor allem ein intellektueller und ästhetischer Gewinn. Sie macht eine Sammlung lebendig und spannend.

Makroaufnahme verschiedener Kunstwerktexturen nebeneinander

Die gute Nachricht ist, dass die Marktbedingungen eine solche Diversifizierung begünstigen. Laut einer UBS-Studie sind 77 % der wohlhabenden Kunstsammler optimistisch bezüglich des Kunstmarkts für 2024. Dieses positive Klima sollte genutzt werden, um bewusst über den eigenen Tellerrand zu blicken. Wie Paul Donovan, Chefvolkswirt bei UBS Global Wealth Management, betont, geht es beim Sammeln um mehr als nur den Besitz.

Kunst ist so viel mehr als der Besitz von physischen Objekten – und die mit dem Sammeln verbundenen Ereignisse, Erfahrungen und sozialen Netzwerke sollten den Sektor unterstützen.

– Paul Donovan, Chefvolkswirt bei UBS Global Wealth Management

Der Aufbau einer diversifizierten Sammlung ist eine solche Erfahrung. Er zwingt dazu, neue Perspektiven einzunehmen, neue Beziehungen aufzubauen und letztlich ein tieferes Verständnis für die kulturelle Komplexität der Schweiz zu entwickeln.

Wie baut man eine Fotowand mit Sujets aus Zürich, Bern und Genf auf?

Eine Fotowand ist mehr als nur eine Ansammlung von Bildern; sie ist eine kuratierte Erzählung an der eigenen Wand. Eine Wand, die Werke aus Zürich, Bern und Genf vereint, bietet die einzigartige Chance, den „Röstigraben“ nicht als Trennung, sondern als kreatives Spannungsfeld zu inszenieren. Der Schlüssel liegt darin, einen konzeptionellen roten Faden zu finden, der die unterschiedlichen Charaktere der Städte verbindet und gleichzeitig ihre Eigenheiten hervorhebt.

Anstatt wahllos Motive zu mischen, sollten Sie eine übergeordnete Thematik wählen. Ein starkes Konzept könnte „Leben am Wasser“ sein, das die Limmat in Zürich, die Aare in Bern und den Genfersee miteinander in Beziehung setzt. Eine andere Möglichkeit wäre das Thema „Architektonische Kontraste“, das die nüchterne Moderne Zürichs mit der mittelalterlichen Gemütlichkeit Berns und der internationalen Eleganz Genfs konfrontiert. Eine Studie zur kulturellen Teilhabe zeigt, dass die Deutschschweiz eine hohe Affinität zu Museen hat, während in der Romandie Festivals und Comics beliebter sind – auch diese kulturellen Präferenzen können als Inspiration für die Motivwahl dienen und die Geschichte Ihrer Wand bereichern.

Für die Umsetzung einer solchen „helvetischen“ Fotowand haben sich folgende Gestaltungsprinzipien bewährt:

  • Jedem Kanton einen Stil zuordnen: Weisen Sie jeder Stadt eine eigene fotografische Ästhetik zu, um ihre Identität zu schärfen. Zum Beispiel: Zürich in kühler, sachlicher Architekturfotografie; Bern in warmtöniger, sozialdokumentarischer Schwarz-Weiss-Fotografie; Genf in farbintensiven, eleganten Mode- oder Reportagebildern.
  • Die „Swiss Style“-Rasterhängung anwenden: Orientieren Sie sich am weltberühmten Schweizer Grafikdesign. Eine strenge, geometrische Anordnung der Bilder in einem klaren Raster (z.B. Petersburger Hängung) schafft eine visuelle Klammer, die die unterschiedlichen Stile zusammenhält.
  • Bewusste Abstände schaffen: Nutzen Sie den Leerraum zwischen den Städte-Blöcken als visuelle Metapher. Ein etwas grösserer Abstand zwischen dem Zürcher/Berner und dem Genfer Block kann den „Röstigraben“ subtil thematisieren und gleichzeitig die Komposition spannend machen.
  • Lokale Fotografen bevorzugen: Wählen Sie Werke von Fotografen, die tatsächlich aus den jeweiligen Städten stammen. Sie bieten eine authentische, innere Perspektive, die ein externer Betrachter nur schwer einfangen kann.

Etablierter Künstler oder Absolvent: Wo ist das Wertsteigerungspotenzial höher?

Die Entscheidung, in einen etablierten Künstler („Blue Chip“) oder in einen vielversprechenden Hochschulabsolventen zu investieren, ist eine der zentralen strategischen Fragen für jeden Sammler. Es ist eine Abwägung zwischen Sicherheit und Risiko, zwischen moderatem, stetigem Wachstum und dem Potenzial für exponentielle Wertsteigerung. Vor dem Hintergrund eines globalen Kunstmarktes, dessen Umsatz laut dem Art Basel and UBS Global Art Market Report im Jahr 2023 beeindruckende 65 Milliarden USD erreichte, ist diese Entscheidung von erheblicher finanzieller Tragweite.

Ein etablierter Künstler, dessen Werke bereits in Museen hängen und auf Auktionen gehandelt werden, bietet ein hohes Mass an Sicherheit. Sein Markt ist transparent, die Preisentwicklung nachvollziehbar und die Liquidität der Werke hoch. Das Risiko eines Totalverlusts ist gering. Im Gegenzug ist das Wertsteigerungspotenzial moderat. Man kann von einer soliden, aber selten spektakulären Rendite ausgehen.

Der Kauf bei einem frischen Absolventen einer Kunsthochschule wie der ZHdK oder der HEAD ist hingegen eine hochriskante Wette auf die Zukunft. Der Einstiegspreis ist niedrig, oft im drei- oder vierstelligen Bereich. Die meisten dieser Künstler werden sich auf dem Markt nicht durchsetzen können. Doch für jene wenigen, die den Durchbruch schaffen – etwa durch die Auszeichnung mit einem Swiss Art Award –, kann die Wertsteigerung enorm sein. Ein Werk, das für 1’000 CHF im Atelier gekauft wurde, kann wenige Jahre später das Zehn- oder Hundertfache wert sein. Das Problem ist die geringe Liquidität: Es gibt anfangs keinen Sekundärmarkt für diese Werke.

Die folgende Tabelle stellt die beiden Investitionsstrategien gegenüber und hilft bei der Einordnung des eigenen Risikoprofils.

Investitionspotenzial: Etablierte vs. Nachwuchskünstler
Kriterium Etablierte Künstler Absolventen/Nachwuchs
Risiko Niedrig Hoch
Wertsteigerungspotenzial Moderat (5-10% p.a.) Sehr hoch (bis 50%+ bei Erfolg)
Einstiegspreis Hoch (ab 10’000 CHF) Niedrig (ab 500 CHF)
Liquidität Gut (etablierter Sekundärmarkt) Schwierig (kein Sekundärmarkt)
Swiss Art Award-Effekt Gering Sehr hoch (Preissprung möglich)

Das Wichtigste in Kürze

  • Der „Röstigraben“ in der Kunst ist keine Trennlinie, sondern die Nahtstelle zweier komplementärer Ökosysteme (Zürich & Genf), deren Verständnis für Sammler essenziell ist.
  • Echte Entdeckungen finden oft abseits etablierter Galerien statt, insbesondere in „Off-Spaces“, bei Diplomausstellungen und Preisverleihungen wie den Swiss Art Awards.
  • Eine strategisch wertvolle Schweizer Sammlung überwindet regionale Vorlieben und strebt eine bewusste Diversifikation an, um die gesamte kulturelle Vielfalt des Landes abzubilden.

Warum ist ein Besuch im Atelier in Bern oder Basel wertvoller als der Online-Kauf?

In einer Zeit, in der Kunstwerke mit wenigen Klicks online gekauft werden können, mag der Atelierbesuch anachronistisch wirken. Doch gerade in seiner Langsamkeit und Unmittelbarkeit liegt sein unschätzbarer Wert. Ein Besuch im Atelier eines Künstlers in Bern, Basel oder einer anderen Schweizer Kunststadt bietet einen Mehrwert, den kein hochauflösendes JPEG und kein Online-Viewing-Room jemals ersetzen kann. Es ist die Transformation von einem reinen Transaktionsprozess zu einer sinnlichen und intellektuellen Erfahrung.

Basel, mit seiner Dichte an Museen und als Standort der weltberühmten Art Basel und einer der renommiertesten Kunsthochschulen der Schweiz, ist ein perfektes Beispiel für ein kreatives Biotop. Hier im Atelier zu stehen, bedeutet, den Entstehungsprozess eines Werkes nachzuvollziehen. Man riecht die Farbe, sieht die Werkzeuge, spürt die Atmosphäre des Raumes und versteht die materiellen und konzeptionellen Entscheidungen, die der Künstler getroffen hat. Man sieht nicht nur das fertige Werk, sondern auch die Skizzen, die verworfenen Ideen und die Experimente, die zu ihm geführt haben. Diese Kontexualisierung verleiht dem Werk eine Tiefe und eine persönliche Bedeutung, die über seinen reinen Marktwert hinausgeht.

Der wichtigste Aspekt ist jedoch der persönliche Austausch. Im Dialog mit dem Künstler erfährt man die Geschichten, die Motivationen und die Visionen, die in das Werk eingeflossen sind. Man baut eine persönliche Beziehung auf, die den Besitz des Kunstwerks zu einer andauernden Verbindung macht. Dieser persönliche Bezug ist letztlich der stärkste Schutz gegen die Volatilität des Marktes und die Kurzlebigkeit von Trends. Man besitzt nicht mehr nur ein Asset, sondern einen Teil einer Geschichte, die man selbst miterlebt hat.

Um den wahren Wert einer Sammlung zu verstehen, ist es entscheidend, sich die unbezahlbare Erfahrung des direkten Austauschs zu vergegenwärtigen, die über den reinen Online-Kauf hinausgeht.

Beginnen Sie Ihre eigene Entdeckungsreise, besuchen Sie Ateliers und bauen Sie eine Sammlung auf, die nicht nur den Röstigraben überwindet, sondern die ganze Vielfalt der Schweizer Kunst feiert. Der wahre Wert liegt in den Geschichten, die Sie dabei sammeln.

Geschrieben von Regula Hurlimann, Kunsthistorikerin und Art Consultant für Privatsammlungen und Firmenmandate. Expertin für den Schweizer Kunstmarkt, Wertanlagen und die Förderung von Nachwuchstalenten mit 20 Jahren Erfahrung in Zürich und Basel.